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Gespräch mit Wolf Wondratschek (2013)

 

Und plötzlich strahlt die Welt herein

 

Das Gespräch ist gerade eine halbe Stunde alt, als ein kleines Mädchen an den Tisch tritt. So energisch die Schritte waren, so schüchtern sagt sie zwei, drei Worte auf Kroatisch – und lässt Grashalme in Wolf Wondratscheks Hand rieseln. „Danke Dir“, sagt der Schriftsteller, wirklich berührt, derweil die Mutter mit einem verlegenen „Entschuldigung“ ihre Tochter weiterzieht. Wäre diese Szene nicht tatsächlich geschehen, an einem Montagvormittag vor einem Münchner Café (der Herbst ist deutlich zu spüren), man könnte sie sich gut vorstellen in Wondratscheks neuem, unbedingt lesenswertem Roman „Mittwoch“.

 

Grund des Treffens: sein Roman "Mittwoch"

Natürlich erkennt der Autor sofort das Potenzial des Geschenks: „Das ist Poesie: Ein Kind kommt und gibt dir grünes Gras“, sagt er, als die Kleine und ihre Mutter um die Ecke gebogen sind. „Das hat mir ein kleines Kind geschenkt, für das die Welt voller Wunder ist.“ Ein bisschen wirkt es, als habe Wondratschek den Auftritt inszeniert. Schließlich hatte er gerade noch erklärt: „Poesie ist ein
Mittel zur Erkenntnis: etwas ganz Präzises, das aber hohe Anteile an Irrationalität besitzt.“
Damit sind wir tief eingetaucht in „Mittwoch“, in diesen Text, der keine Hauptfiguren kennt und der dennoch – genauer: der gerade deshalb – von nichts Geringerem als dem Leben selbst erzählt. Denn: „Ist das nicht der Wunsch aller Nebenfiguren, einmal ins Rampenlicht zu treten?“, fragt Wondratschek. „Einmal angeschaut zu werden, einmal wichtig genommen zu werden, einmal Adressat einer höflichen Erwiderung zu sein? Alle sind sie wichtig. Und keiner ist wichtig.“ Eben ganz wie im wirklichen Leben.

 

Er debütierte mit "Früher begann der Tag mit einer Schußwunde"

Wondratschek, gerade 70 Jahre alt geworden, ist ein außergewöhnliches Buch gelungen, ausgehend von einer alltäglichen Idee: Der Erzähler folgt einem 100-Euro-Schein, der an einem Mittwoch zwischen acht und 18 Uhr von Hand zu Hand wandert. Das passiert zigfach jeden Tag in diesem Land. Und dennoch hat man nach der Lektüre das Gefühl, an etwas Besonderem teilgenommen zu haben. „Es ist das Gewebe eines Tages. Alles hängt mit allem zusammen“, erklärt der Autor, der in seinem Roman immer wieder die Zeit anhält. Nicht nur, um jenes Individuum zu entdecken, das gerade im Besitz der Banknote ist, sondern um die Leser mitzunehmen in unterschiedliche Milieus: in eine Autowerkstatt, in einen Friseurladen, in ein Bordell, in einen Tabakladen, in eine Zeitungsredaktion. Die Lebensgeschichten der Menschen, die wir dort treffen, sind mit keinen anderen vergleichbar. Aber: „Es strahlt die Welt herein.“ Das ist so ein Wondratschek-Satz, der das, was auf diesen über 240 Seiten passiert, treffend charakterisiert. Also ein Satz für den Klappentext. Nur hat der Autor eben diesen seinem Verleger untersagt, da er „bloßer Notbehelf“ sei.
Stattdessen ist auf dem Umschlag von „Mittwoch“ nun ein Zitat des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges (1899-1986) zu lesen: „Er ließ seinen Geist schweifen, und er gab diesem Geist die Gestalt vieler Personen.“ Wondratschek, der 1969 mit „Früher begann der Tag mit einer Schußwunde“ debütierte und heute in Wien und München lebt, macht genau das in seinem Text. Und mehr: „Ich beschreibe Menschen, denen ich gerne häufiger im Leben begegnen würde.“

 

Das Staatsballett vertanzt seinen Gedichtzyklus

Dabei ist er behutsam, klug und mit großer Empathie vorgegangen. Der Autor, dessen Gedichtzyklus „Das Mädchen und der Messerwerfer“ 2012 vom Bayerischen Staatsballett als Tanztheater uraufgeführt wurde, porträtiert seine Figuren quasi von außen nach innen, um die „richtige Beleuchtung“ zu finden, wie er es nennt. Dabei öffnet er im besten Fall Assoziationsräume, Einladungen an seine Leser, das Buch für einen Moment auf den Schoß sinken und selbst die Gedanken schweifen zu lassen. Das kann beglückend sein. Dabei sind es oft die scheinbar harmlosen Sätze, die dank ihrer Kraft Menschen auf Reisen schicken können.

Es gibt ein kurzes Gedicht von Wolf Wondratschek, aufgeschrieben vor mehr als zehn Jahren: „Es ist seltsam, wieviel wir erfinden müssen,/ um das Leben zu verstehen, denn was wäre/ die Realität ohne die Einsicht ihrer/ Erfindung, was für einen Wert hätte die/ Wahrheit ohne den Komfort des Humors/ und welche Wahrheit die Liebe ohne das/ Schicksal jener, die leiden?“. In „Mittwoch“ feiert der Autor das Leben in seiner Komplexität, seiner verwirrenden Schönheit.

 

Ja, verwirrende Schönheit. Denn was sagt Wondratschek am Ende des Gesprächs? „Was ist produktiver, als wenn einer einem die Sinne verwirrt? Entsteht so nicht alles? Liebe, Leidenschaft, Erkenntnis. Das ist die Aufgabe von Literatur: Die Befehlsgewalt des Verstandes oder der Vernunft außer Kraft zu setzen.“ Dann drückt der Dichter seine Zigarette aus, verabschiedet sich höflich, geht. Und ein kräftiger Windstoß, der bereits vom Herbst kündet, trägt die Grashalme, das Geschenk des Mädchens, die gerade noch auf der blanken Tischplatte lagen, weit über den Platz.


Reinhard Kleists Comic-Biografie

 

Nick Caves Leben - ein Bilderrausch

 

Am Ende ist es Robert Johnson, der ihn mit zwei lapidaren Sätzen über die vielen, vielen anderen Musiker erhebt: „Sie haben ihn getroffen, den richtigen Ton“, sagt der „King of the Delta Blues“ (1911-1938) zu Nick Cave und meint damit „den Akkord, der ewig schwingt“. Ein musikalischer Ritterschlag. Doch der deutsche Comic-Künstler Reinhard Kleist ist klug genug, dieser Szene jegliches Pathos zu verweigern und sie in einer schäbigen Karre spielen zu lassen. Cave ist da gerade auf dem Weg nach Genf, wo sie das „Gottesteilchen“ suchen. All das besingt er in seinem „Higgs Boson Blues“. Während der Fahrt rücken ihm die Figuren seiner Lieder penetrant auf die Pelle. Draußen, außerhalb des Autos mit den beiden Musikern, stürzt derweil die Welt ins Chaos.

Nein, „Nick Cave. Mercy on me“ erzählt nicht linear das Leben des singenden Schriftstellers und schreibenden Schauspielers nach, der am Freitag seinen 60. Geburtstag feiert. Es wäre auch unpassend. Reinhard Kleist nähert sich dem so vielseitig begabten Künstler vielmehr über dessen Werk – und mit Mut zur Fantasie. Seine mehr als 300 Seiten starke Comic-Biografie ist ein optisch und dramaturgisch wilder Ritt durch Caves Leben, Caves Songs, Caves Bücher. Tatsächlich Geschehenes wechselt sich ab mit Assoziationen, Albträumen, Analysen. In dieser meisterhaften Melange dringt der Autor und Zeichner zu einem vibrierenden Kern vor, zum dunklen Grundstein im Werk des Australiers.

 

Kleist ist ein Meister der Comic-Biografien

Geht es um Comic-Biografien, ist der 1970 in Hürth bei Köln geborene Kleist einer der wichtigsten und besten Genre-Vertreter. Er hat das Leben von Fidel Castro nachgezeichnet, von Hertzko Haft erzählt, der als Boxer das KZ Auschwitz überlebte, und der somalischen Olympiateilnehmerin Samia Omar ein Denkmal gesetzt, die während ihrer Flucht nach Europa ums Leben kam. Er hat Elvis eine illustrierte Biografie gewidmet und mit seinem Stift Johnny Cashs Höhenflüge und Abstürze zu Papier gebracht. „Mercy on me“ schließt sich hier beinahe nahtlos an.

Dieses Buch schlägt jedoch zugleich den Bogen zurück zu den Anfängen von Kleists Karriere. Im Jahr 1994 widmete er dem US-Schriftsteller H. P. Lovecraft ein bemerkenswertes Album, das völlig zurecht mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet wurde, der wichtigsten deutschsprachigen Ehrung für grafische Literatur. Damals adaptierte Kleist auch die Lovecraft-Kurzgeschichte „Die Musik des Erich Zann“ (1921/22), für die er albtraumhafte Bilder fand, die Reales und Irreales eindrucksvoll mischten.

 

1995 sang Cave mit Kylie Minogue „Where the wild Roses grow“

Natürlich hat Kleist seinen Strich seither enorm präzisiert. Doch pulst viel von der Energie, die jenes Frühwerk noch heute lesenswert macht, nun durch seine Cave-Biografie. Die fünf Teile des Buches tragen Titel von Liedern sowie vom Romandebüt des Australiers, „And the Ass saw the Angel“ aus dem Jahr 1989. In sattem Schwarz-Weiß erzählt Kleist vom Schicksal der jeweiligen Protagonisten und spiegelt in deren Leben die Biografie ihres Schöpfers. Manchmal, etwa im Kapitel „Where the wild Roses grow“ nach Caves extrem erfolgreichem Duett mit Kylie Minogue (1995), orientiert er sich bei der Gestaltung auch am Video zum Song. Cave-Kenner werden auf den mehr als 300 Seiten noch weitere Verweise entdecken – und sich ab und an die Frage stellen: Fakt oder Fiktion?

Der Leser zieht mit dem jungen Musiker nach London, wo niemand auf ihn und seine Band The Birthday Party gewartet hat. 1983 geht es weiter nach West-Berlin, wo er sich mit Blixa Bargeld, dem Sänger der Einstürzenden Neubauten, anfreundet. Gemeinsam gründen sie The Bad Seeds – die Gruppe begleitet Cave bis heute. Zuletzt erschien im vergangenen Jahr das Album „Skeleton Tree“; Anfang November spielen sie in München.

 

Für „Cash“ erhielt Kleist den Max-und-Moritz-Preis

Kleist kennt die Konventionen des Comic-Genres – weiß aber auch, wann es sinnvoll ist, diese zu ignorieren. So findet er zeichnerisch zwingende Lösungen, um Musik und die Atmosphäre eines guten Konzertes festzuhalten. In solchen Momenten scheinen die Seiten des Buches zu explodieren. Panels, die in der grafischen Literatur üblicherweise eine Erzählung rhythmisieren, geraten ins Schlingern, Rutschen, Rauschen und können die Wucht des Gezeigten kaum zähmen. Hier lässt Kleist den bieder-pastelligen Stil seiner „Elvis“-Biografie weit hinter sich und treibt die Bildsprache des ebenfalls mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichneten „Cash“-Bands einige irrwitzige Umdrehungen weiter. Daher beeindruckt „Mercy on me“ erzählerisch und visuell, ist Herausforderung, aber auch Fest der Sinne – selbst für jene, die nur „Where the wild Roses grow“ kennen.


Premierenkritik // Salzburger Festspiele

 

Albträume im La-Le-Lulu-Land

 

Der Himmel hängt voller Kugeln. Große und noch größere Luftballons, deren perfekte Rundungen ein Ideal beschreiben, das die Männer unten auf der Bühne derart vollendet von der Frau erwarten. Wie Lulu sind diese grauen Monde Projektionsflächen. Vor allem aber sind sie ähnlich fragil wie die Seifenblasen, die Schigolch seiner Ziehtochter einmal ins Gesicht blasen wird. Jede einzelne ein Glücksversprechen, zerplatzend.

 

Es ist ein so ästhetisch eindrucksvolles wie vielschichtiges Bühnenbild, das Florian Lösche für diese letzte Schauspielpremiere des Salzburger Festspielsommers auf die Perner-Insel in Hallein gebaut hat. Athina Rachel Tsangari hat „Lulu“ inszeniert, Frank Wedekinds (1864-1918) „Monstretragödie“ in der Urfassung von 1894. Es ist die erste Theaterarbeit der griechischen Filmregisseurin, die bei uns vor allem durch die anrührend-schräge Tragikomödie „Attenberg“ (2010) bekannt wurde. Ihr und ihrem wunderbaren Ensemble ist ein atmosphärisch dichter, stringent erzählter und eindrucksvoll gespielter Abend gelungen, der bei der Premiere am Donnerstag jedoch auch zahlreiche heftige Buhs kassierte. Zu Unrecht.

 

Das Bühnenbild führt ein Eigenleben wie Lulu

Der Himmel über der Bühne führt ein Eigenleben wie Lulu. Immer wieder heben und senken sich die Ballons, schaffen Räume, schneiden den Figuren den Weg ab oder bieten ihnen Schutz. Zwischen den Akten schwebt dieser Kugelteppich wie ein Vorhang herab. Tsangari projiziert darauf dann gerne überlebensgroß die Augen ihrer Hauptdarstellerinnen: Lulu, die von den Männern begehrt, begafft wird, wehrt sich zumindest hier – und glotzt zurück, unbarmherzig. Die Ballons sind zudem so aufgehängt, dass sie sich nicht berühren, sondern nebeneinanderher existieren wie die Menschen. Stoßen zwei dennoch einmal aneinander, stürzt das ganze System ins Chaos.

 

Nichts anderes geschieht in der Inszenierung. Tsangari erzählt den Weg von Lulus Erhebung aus einem animalischen Urzustand über ihre Bewusstwerdung bis zu ihrem gewaltsamen Tod. Das La-Le-Lulu-Land, durch das die Regisseurin in diesen zwei soghaften Theaterstunden führt, hat nichts Verspieltes. Vielmehr ist es ein Albtraum-Areal aus Begehren und Beherrschen, Erotik und Erniedrigung, Mauschelei und Mord. Jeder Witz ist bitter, Lachen klingt verzerrt, Slapstick endet im Selbstmord.

Unter den Ballons bleibt die Spielfläche leer, Scheinwerfer an den Rändern leuchten sie mitunter unbarmherzig aus. In dieser Welt können Menschen aus dem Boden herauffahren oder, häufiger, darin verschwinden. Wie Alice in den Kaninchenbau stürzen sie dann in die tiefsten Tiefen. Doch statt im Wunderland tauchen sie auf der Abraumhalde des Menschseins auf, sind Opfer und Täter zugleich.

 

Diese Dualität ist die große Stärke der Inszenierung. Die Regisseurin verweigert eine klare Positionierung. Ihre Lulu oszilliert zwischen Schuld und Unschuld. Was muss sie anderen antun, um sich selbst treu bleiben zu können? Auch, um diese Uneindeutigkeit deutlich zu machen, hat Tsangari die Titelrolle mit drei Schauspielerinnen besetzt. Anna Drexler, die mit der neuen Spielzeit von den Münchner Kammerspielen ans Residenztheater wechselt, Isolda Dychauk und Ariane Labed, Hauptdarstellerin aus „Attenberg“, gelingt Eindrucksvolles: Gemeinsam gestalten sie die vielen Facetten einer Figur und bleiben doch individuell unterscheidbar.

 

In einem der stärksten Momente steckt jede Lulu-Darstellerin in einem Riesenballon. Gefangen sind sie darin, ausgeliefert den Blicken der Männer, ein echter Spielball für den Maler Schwarz, der sie umherkugelt – aber eben auch: geschützt wie ein Embryo, unantastbar für die Umwelt. Am Ende des Abends löst Tsangari das Trio das erste, einzige Mal auf: Dychauk zieht Labed das Kostüm von Jack an und bringt sie/ihn auf den Weg zu ihrem/seinem Opfer. Doch wird sie/er Lulu (Drexler) nicht die Kehle durchschneiden, sondern ihr (und damit sich) gleich einem Vampir in einer Mischung aus Liebesspiel und Todesringen das Leben aussaugen.

 

Auf der Bühne: ein hochkarätiges Ensemble

Die drei Schauspielerinnen fügen sich perfekt ein in das hochkarätige Ensemble: angeführt von Rainer Bock, der Lulus Ziehvater Schigolch zwischen Fürsorge und Verbrechen schillern lässt. Dann ist da Steven Scharf als Dr. Schöning, der allein mit seiner Stimme mehr über eine Figur zu erzählen vermag als andere mit ganzem Körpereinsatz. Christian Friedel gibt Schönings Sohn Alwa eine herrliche Penetranz, bei der die Weinerlichkeit bereits ums Eck lugt. Benny Claessens gehört eine der seltenen Szenen unbeschwerter Komik, als sein Rodrigo vorführt, wie sich Männer auf der Balz zum Hirschen machen. Fritzi Haberlandt schließlich zeigt die lesbische Gräfin von Geschwitz als bis zum Schluss aufrichtig Liebende. So grundehrlich ist ihr Begehren, dass sie als Einzige darüber alt, grau und gram wird. Athina Rachel Tsangari, die selbst kein Deutsch spricht, vertraut ihren Schauspielern – ein Glück. Doch dieses Vertrauen hätte sie auch uneingeschränkt in Wedekinds Vorlage und ihre Ideen haben dürfen. Will man an ihrer Inszenierung etwas kritisieren, ist es das fast durchgängige Abspielen der Tonspur. Statt zu verstärken, stören Musik- und Geräuschkulisse oft nur. Hier ist die Sozialisierung der Regisseurin beim Film zu hören, doch die Bühne (und auch das Kino) braucht keine Klanggebilde, wenn die Bilder stark genug sind. Und das sind sie.


Premierenkritik // Salzburger Festspiele

 

Kas mit Karoline

 

So wenig Wiesn war selten. So wenig Horváth leider auch. Und das obwohl am Freitag bei den Salzburger Festspielen dessen 1932 uraufgeführtes Volksstück „Kasimir und Karoline“ Premiere hatte. Abigail Browde und Michael Silverstone aus New York, die sich 600 Highwaymen nennen, haben den Abend eingerichtet – dabei aber eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Vorlage verweigert. Ein klarer Fall von Feigheit vor dem Horváth (1901-1938).

Nicht alles ist misslungen an dieser mit 90 Minuten viel zu langen Inszenierung. Anneliese Neudecker hat ein schlichtes Holzparkett im Mozarteum verlegt, eingefasst von Holzbanden, wie man sie aus Eishallen kennt, mit Türen, um auf die Fläche zu kommen. Ein Zwitter aus Tanzboden und Schlittschuhbahn ist dieses Bühnenbild – schließlich kommen an jenem Oktoberfesttag, von dem Horváth erzählt, nicht nur Kasimir und Karoline sauber ins Schlingern und Rutschen.

 

600 Highwaymen sind Spezialisten für "partizipative Theaterprojekte"

Doch eine gute Ausstattung garantiert noch keine packende Inszenierung. Zudem wird auf dieser Bühne ein Problem des Abends besonders unbarmherzig ausgestellt. Denn eine solch große Freifläche verlangt Schauspieler, die sie auch zu bewältigen wissen. Menschenformer, denen es gelingt, mit ihrer Präsenz und ihrer Stimme die Aufmerksamkeit zu fesseln. Das ist eine Kunst, und die beherrschen eben nicht alle.

Nun ist es aber so, dass sich 600 Highwaymen auf „partizipative Theaterprojekte“ spezialisiert haben. Das heißt: Man schaut hier 23 Laien und Jungschauspielern beim Scheitern zu. Das ist nicht schön, für keine Seite. „Zu einem heutigen Volksstück gehören heutige Menschen“, hatte Horváth einst in einem Interview gefordert – damit jedoch die Figuren gemeint. Es ist nicht das einzige Mal, dass die New Yorker den Autor falsch verstehen. Natürlich spricht nichts dagegen, dass Ungelernte sich am darstellenden Spiel versuchen. Sie „entdeckt das Leben“ heißt es über eine Mitwirkende im Programmheft. Super Idee, doch muss das auf einer Festspielbühne geschehen?

 

Der Abend gründelt weit unter Festspielniveau

Ja, diese Inszenierung gründelt weit unter dem Niveau, das man in Salzburg erwarten darf. Und nein, dies liegt nicht allein am hilflosen Ensemble. Denn Browde und Silverstone haben mit Saša Čelecki eine eigene Textfassung erarbeitet. Die Rollen wechseln immer wieder unter den Anwesenden. Diese sagen, wenn sie an der Reihe sind, meist den Namen ihrer Figur oder fassen die Handlung zusammen oder sprechen Regieanweisungen. Zu Horváths Dialogen, zum Theaterspiel, kommen sie dagegen selten. Das alles ist so sinnlos wie enervierend. Dazu haben die Regisseure den Mitwirkenden ein choreografisches Konzept aus Gesten, Körperdrehungen und Schritten aufgezwungen, das im Bewegungsradius irgendwo zwischen abgebremster Sportgymnastik, Yoga und dem gestischen Repertoire von Flugbegleitern angesiedelt ist. Es hat vor allem eines zur Folge: die zusätzliche Überforderung der Darsteller.

 

Einige Jungschauspieler überzeugen

Unter diesen stechen die wenigen ausgebildeten Schauspieler hervor. Maresi Riegner etwa, die neben Valerie Pachner der einzige Grund war, warum man sich 2016 Dieter Berners langweiligen „Egon Schiele“-Film anschauen konnte. Valentina Schüler (in München am Residenztheater in „Hexenjagd“ zu sehen) gehört zu den Ausnahmen, ebenso wie Genet Zegay, Lili Epply, die am Resi in „Die Netzwelt“ mitwirkte, und Ron Iyamu. Wenn diese talentierten jungen Leute einfach einmal ohne Verrenkungs-Bohei den Original-Horváth sprechen dürfen, blitzt für winzige Momente auf, was möglich gewesen wäre.

600 Highwaymen wollten jedoch so unbedingt vom Heute erzählen und haben dabei nicht begriffen, dass dies auch mit „Kasimir und Karoline“ gegangen wären. Die Nacherzählung einer Katastrophe ist aber immer harmloser, als wenn diese sich vor den Augen der Zuschauer unmittelbar entfaltet – erst recht bei einem Autor wie diesem, bei dem es auf jede Dialogzeile, jede Betonung und jede Pause ankommt. Wie ärgerlich. Wie fad. Nett gemeinter Applaus fürs Ensemble, kräftige Buhs für die Regie.


Premierenkritik // Marstall

 

Bibiana Beglaus heiliges Heulen

 

Eigentlich ist mit einem Halbsatz aus einem Brief, der im August 1955 von Mexico City nach San Francisco geschickt wurde, das Wichtigste gesagt über dieses Stück Literatur. „Dein ,Howl für Carl Solomon‘“, schrieb Jack Kerouac damals aus der dampfenden mexikanischen Regenzeit an seinen Schriftstellerkollegen Allen Ginsberg, „ist sehr mächtig“. Das gilt bis heute, mehr als 60 Jahre nach der ersten Veröffentlichung, für diesen Bastard eines Gedichts, für diese tieftraurige Weh- und bitterböse Anklage, die in einem Euphorietaumel endet, der drogenbefeuert gewesen sein muss.
Im Marstall des Münchner Residenztheaters hat sich nun Bibiana Beglau des in der Übersetzung von Carl Weissner gerade mal neun Seiten langen Textes angenommen. Am Donnerstag war Premiere ihres einstündigen szenischen Solos, das Angela Obst eingerichtet hat.


„Howl“ besteht aus drei Teilen plus Fußnote
Klug, respektvoll und mit leiser Ironie nähert sich Beglau der Vorlage. Das ist gut und richtig, denn Ginsbergs Pathos, sein Herz- und Weltenschmerz mögen uns heute fremd erscheinen und nach wie vor (über-)fordern. Dennoch pulsiert in „Howl“ – das „Geheul“ sollte zu einem der wichtigsten Texte der Beat-Generation werden – ein glühender Kern, der zeitlos und wahrhaftig ist.
Ginsberg (1926-1997) hat seinen Text in drei Teile plus eine ausführliche Fußnote unterteilt. Den Auftakt bildet eine sich über vier Seiten schillernd hinwegwindende Relativsatz-Girlande: ein Aufschrei wegen der und gegen die Welt. Beeinflusst ist diese Eröffnung von den Strukturen der Jazzmusik ebenso wie vom Kaddisch, einem der wichtigsten Gebete im Judentum. Im zweiten Teil fragt Ginsberg nach dem Verursacher des geschilderten Schlamassels – und findet ihn im „Moloch“, worunter man gut und gerne die zwischenmenschliche Kälte sowie die Sinn-Entleertheit der Gegenwart begreifen kann. Der dritte Teil ist eine so verzweifelte wie hingebungsvolle Solidaritäts- und Liebesadresse an Carl Solomon. Ginsberg hat „Howl“ dem jungen Mann gewidmet, den er als Patienten der Irrenanstalt in Rockland kennengelernt hatte. Die Fußnote zum Gedicht schließlich ist geprägt vom inflationären Gebrauch des Wortes „heilig“; hier stimmt der Autor einen überraschend versöhnlichen Lobpreis auf das Menschsein an.


1957 kam es zum Prozess wegen angeblicher Obszönität
Zu Ginsbergs Selbststilisierung gehörte die Behauptung, er habe „Howl“ rauschhaft am Stück niedergeschrieben – wer jedoch liest, erkennt, wie geschickt komponiert und fein austariert der Text ist. Keine Legende ist indes, dass das Gedicht 1957 zunächst einen Prozess wegen angeblicher Obszönität überstehen musste (Amerikas prüde Sittenwächter hatten ihre Probleme vor allem mit der Zeile „die sich von Motorrad-Engeln in den Arsch ficken ließen und schrien vor Lust“), bevor es seinen Triumphzug nicht nur innerhalb der Beat-Generation antreten konnte.
All das schwingt im Marstall natürlich mit, wenn Bibiana Beglau an einem alten Schreibtisch Platz nimmt, auf dem einige Kassettenrekorder stehen und der mit der US-Flagge behängt ist. Die Schauspielerin lässt dem Text Raum zum Atmen, begegnet ihm aber dennoch mit humorvoller Distanz. Dabei stellt sie stets „Howl“ ins Zentrum – und nie die eigene Virtuosität aus. Wenn Beglau erzählt und sich ereifert, wenn sie schreit, schnurrt und säuselt, wenn sie gurrt und giftet, dann im Dienst der Dichtung.

 

Der Abend ist ein heftig-herrlicher Literatur-Quickie
Doch ebenso wichtig für das Gelingen dieses heftig-herrlichen Literatur-Quickies ist die Klangcollage von Flo Kreier und Johannes Oberauer. Im ersten Teil jonglieren die beiden akustisch mit dem Sound der Stadt, als Leitmotiv hört man immer wieder das „Kling!“ einer Schreibmaschine heraus, die das Zeilenende erreicht hat. Im zweiten Teil tönt nur die Wucht der Anklage, bevor der dritte Teil mit Fetzen aus Jazz- und Rocknummern (darunter Jimi Hendrix, der in Woodstock „The Star-Spangled Banner“ mit der Gitarre zersägt) eingeleitet wird.
Kurz bevor’s losging, hatte Bibiana Beglau noch gesagt, dass man während des Abends gerne auch herumgehen, den Platz wechseln oder sich etwas zu trinken holen dürfe. Und sie hat gesagt: „Uns wollte keine Kneipe. Sonst hätten wir es dort gemacht.“ Die Kneipe hat ja keine Ahnung, was sie verpasst hat.


Filmkritik // Wonder Woman

 

Nur noch kurz die Welt retten

 

Ihr Leben ist perfekt. Behütet und sorgenfrei wurde Diana als Tochter der Königin Hippolyta auf dem zauberhaften, vor den Augen der Welt versteckten Inselparadies Themyscira groß. Geborgen und respektiert lebt sie im Reich selbstbewusster Amazonen. Nur eine echte Auseinandersetzung hatte die Prinzessin bis dato zu bestehen – und natürlich setzte sie ihren Wunsch, eine Kriegerin werden zu dürfen, gegen den Willen der herzensguten Mutter durch, die ihr Kind so lange als möglich beschützen wollte.
Doch etwas nagt trotzdem in Diana. Um das zu erkennen, muss man Gal Gadot, die sie mit großer Ernsthaftigkeit spielt, in die Augen schauen, als sie an den Klippen steht und zufällig beobachtet, wie ein Flugzeug ins Meer stürzt. Die junge Frau hat immer geahnt, dass da noch etwas anderes, Bedeutenderes auf sie wartet – jetzt fasst sie den Entschluss, dem diffusen Gefühl nachzugehen.
In diesem Moment umschwebt Matthew Jensens Kamera Gadot in einer herrlich harmonischen Kreiselbewegung. Diese Fahrt ist so perfekt wie die Existenz der Amazonenprinzessin. Dann tritt Diana aus dem idealen Kreis heraus, den Jensens Aufnahme beschrieben hat, und springt die Klippen hinab, um jenen Unbekannten zu retten, der da draußen zu ersaufen droht. Als sie wieder auftaucht, ist ihr erster Schritt zur „Wonder Woman“ getan.


Patty Jenkins brachte 2003 „Monster“ in die Kinos
Die Regisseurin Patty Jenkins, deren Drama „Monster“ (2003) Charlize Theron den Oscar als beste Hauptdarstellerin bescherte, hat sich in ihrem zweiten Spielfilm der ersten Superheldin der Comic-Geschichte angenommen. „Wonder Woman“ ist unterhaltsames, spannend inszeniertes, mitunter lustiges Popcorn-Sommerkino, das – trotz dramaturgischer Zugeständnisse – respektvoll mit der Vorlage umgeht.
Wonder Woman ist nicht nur die erste Protagonistin im Kosmos der Superhelden, sondern auch jene mit der spannendsten Rezeptionsgeschichte. Das neue Genre ist seit gerade mal drei Jahren etabliert, als die Amazonenprinzessin 1941 ihr Debüt auf dem US-Comicmarkt hat, zunächst noch als Mitglied der „Justice Society of America“. Ein Jahr später kämpft sie dann in der eigenen Heftreihe für Gerechtigkeit. Ersonnen hat William Moulton Marston (1893-1947) die Figur. Der Psychologe mixte in seinen für die damalige Zeit erstaunlich emanzipierten Geschichten munter griechische Mythologie mit eigenen Ideen vom Reich der Amazonen. Wonder Womans wichtigste Waffe indes ist ein magisches goldenes Lasso, das ihre Gegner zwingt, die Wahrheit zu sagen. Kein Wunder, schließlich hatte Marston 1915 den Lügendetektor erfunden. Neben Superman und Batman zählte Wonder Woman rasch zu den künstlerisch und kommerziell extrem erfolgreichen „Big Three“ des goldenen Zeitalters der Superhelden-Comics, wie die Literaturwissenschaft heute jene erste Dekade des Genres nennt. Rasch schickten Marston und sein Zeichner Harry G. Peter (1880-1958) die Heldin in den damals drängenden Kampf der Demokratie gegen den Faschismus. Die freie Welt konnte jede – auch publizistische – Unterstützung gegen Nazi-Deutschland gebrauchen.

 

Die Filmhandlung ist in den Ersten Weltkrieg verlegt
Für Patty Jenkins’ Leinwandadaption hat Drehbuchautor Allan Heinberg die Geschichte in den Ersten Weltkrieg verlegt. Eine kluge Entscheidung, denn mit seiner Technisierung des Tötens und dem maschinellen Morden war dies der erste moderne Krieg. Ein fürchterlicher Zivilisationsbruch, der für Diana nur Werk des Kriegsgottes Ares sein kann, der sich des Generals Ludendorff und dessen Giftgasmischerin Dr. Maru als Erfüllungsgehilfen bedient. Zusammen mit dem von ihr geretteten Piloten Steve Trevor macht sie sich auf, um das Grauen ein für alle Mal zu beenden, indem sie Ares vernichtet. Denn der kann nur von einer Amazone getötet werden – „und die Welt wird eine bessere sein“. Wonder Woman muss einen weiten Weg zurücklegen, bis sie auf den Schlachtfeldern Europas erkennt, dass die Gleichung komplizierter ist. Gadot, die die Figur bereits im vergangenen Jahr in „Batman v Superman“ verkörperte, gelingt es, selbst Dianas Naivität so zu zeigen, dass sie wahrhaftig und stark wirkt. Dann schwingt auch in komischen Szenen ein bitterer Ton mit – etwa als Trevors Sekretärin erklärt, was ihre Aufgaben sind, und Diana trocken kontert: „Da wo ich herkomme, nennt man das Sklaverei.“
Neben diesen Momenten sind es die schwungvoll inszenierten Actionszenen, eine kluge Finte des Drehbuchs sowie die eindrucksvolle Kamera-Arbeit, die dieses Filmabenteuer gelingen lassen. Natürlich gibt es einige Dialogzeilen, die an Kalendersprüche erinnern. Natürlich bleiben die Nebenfiguren blass und eindimensional; vor allem Chris Pine wirkt als Steve Trevor streckenweise sträflich unterfordert. Doch der Gedanke, dass allein eine Frau die Menschheit noch retten kann, hat auch nach mehr als 70 Jahren nichts von seiner Faszination verloren.


Nachruf auf Christian Moser (1966-2013)

 

Die Monster trauern um ihren Vater

 

Wäre dieser Text nichts weiter als ein Kapitel in einem seiner lexikalisch aufbereiteten, so komischen wie wahrhaftigen „Monster des Alltags“-Büchern, dann hätte er ihn wohl überschrieben mit: „Un-fass-bare, das“. Doch es ist traurige Wahrheit: Christian Moser, Münchner Autor, Illustrator, Comiczeichner und Kabarettist, ist am Dienstag in seiner Wohnung einem Herzinfarkt erlegen. Der 47-Jährige klagte seit geraumer Zeit über eine Sommergrippe, litt zudem wohl an einem angeborenen Herzfehler.

 

Zuletzt zeichnete er den "Respekt"

Auf seiner Internetseite www.monster-des-alltags.de hat Moser immer montags und freitags ein „Monster“ präsentiert. Jene liebevoll gezeichneten Wesen, die so herrlich sämtliche Charakterschattierungen eines Menschen erfassen, waren sein größtes (und erfolgreichstes) Projekt: In mehreren Büchern hat er analysiert und illustriert, was uns im Innersten antreibt. Gemeinsam mit dem Wiener Kabarettisten Severin Groebner hat Moser seine „Monster des Alltags“ zudem in einer vogelwilden, urkomischen Bühnenshow lebendig werden lassen. Da ging es etwa um den „Tatendrang“, den „Liebeswahn“ oder auch den „Suff“.

Die letzte Charaktereigenschaft, die Christian Moser den Liebhabern seiner Zeichnungen und Figuren kurz vor seinem Tod vorstellte, ist „Re-spekt, der“. Dieser werde heute „von allen Seiten lauthals gefordert und allzu oft versucht man, ihn mit Gewalt zu erzwingen“, schreibt Moser zu seinem grünen, etwas untersetzten und empört schauenden Wesen. Und weiter: „Der Respekt verabscheut diesen inflationären Gebrauch seines Namens. Und erpressen lässt er sich schon gar nicht.“

 

Anderen Menschen mit Respekt zu begegnen – das hat Christian Moser getan, privat und als Künstler. Er war einer, der zuhören konnte, der zuschaute und zeichnete (etwa wenn er im Münchner Baader-Café saß, seinem öffentlichen Arbeitszimmer); einer, der sich nie in den Vordergrund gespielt hat. Eine wohltuende Ausnahme – gerade in der oft lauten Comicszene, in der manches Mal Mega-Ego auf Schaumschläger kracht.

Nichts davon hatte Moser nötig. Er wusste, dass er seinen Talenten vertrauen konnte: seiner Beobachtungsgabe, der Fähigkeit, Charaktere mit wenigen Strichen bannen zu können, und seinem Gespür für Humor, für die richtige (und dabei nie verletzende) Pointe im entscheidenden Augenblick.

 

Erste Arbeiten für "Medi & Zini"

„Ich habe immer gezeichnet. Das war für uns völlig normal“, erzählte Moser einmal. „Als Kind habe ich mit einem Freund Comics gemacht, ohne dass wir wussten, was wir tun.“ Die beiden haben Szenen aus Hörspielen aufgemalt und dann nachgestellt. Nach der Schule bewarb Moser sich in seiner Heimatstadt und in Berlin fürs Grafikstudium. Daraus wurde aber nichts: „Gleichzeitig mit den Absagen kamen die ersten großen Illustrationsaufträge.“ Mit 23 Jahren machte sich Moser als Illustrator und Comiczeichner selbstständig. Er arbeitete an kommerziellen Serien wie „Medi & Zini“ und „Soundjack“; für die ARD und das Bayerische Fernsehen schuf er Bühnenbilder und Animationen. Im Jahr 1992 gründete Moser mit anderen Münchner Zeichnern den „Comicstrich“-Verein, der das erste kostenlose Comic-Magazin in Deutschland herausgab. Vier Jahre war er Vorsitzender und Chefredakteur. Von den jungen Künstlern als „Persiflage“ auf den renommierten Erlanger Comicsalon mit seinen internationalen Zeichenstars gedacht, wurde der „Comicstrich“ rasch Kult: Die Ausstellungen des Kollektivs erinnerten an wilde Happenings, der kreative Haufen wurde Liebling der Medien. Heute sind „Comicstrich“-Hefte gesuchte Raritäten.

 

Das erste Buch: eine Märchen-Persiflage

Mit „Rotröckchen und der wilde Wolf“, einer Märchen-Persiflage, erschien 1998 Mosers erstes Buch. Bereits hier findet sich, was der Künstler später, bei „Monster des Alltags“ oder seinen Comic-Biografien (von Goethe, Freud und Karl May), zur Perfektion brachte: Emotionen und Charaktereigenschaften seiner Figuren in wenigen, klaren Strichen und prägnanter Kolorierung einzufangen.

Eben dieses Können schulte Christian Moser auch bei seiner Serie „Kleine Köpfe“. Diese Porträts nannte er „fiktive Phantombilder oder präventive Fahndungsfotos“ – und seinen „Ausgleichssport“. Denn: „Bücher und Agenturaufträge sind sehr geplant. Die Köpfe entstehen, wenn ich Lust zu zeichnen habe.“

 

Es ist mehr als die Lust am Zeichnen, die in diesen Bildern steckt. Es ist auch die Lust aufs Leben, die Neugier auf andere Menschen. Dazu passt, dass Christian Moser einst den „Über-mut“ nannte, als er nach seinem Liebling in der „Monster“-Show gefragt wurde. Und vielleicht ist es ein winziger Trost zu wissen, dass er als Künstler und Mensch stets „über-mutig“ im besten Wortsinn durch sein viel zu kurzes Leben gegangen ist.